Weinsprache


Im Internet gefunden aber doch recht interessant:



Der Kenner genießt und

schweigt


... denn beim Wein ist Schweigen Silber, Reden dageben Blech, sagt die Wissenschaft.
Von Matthias Burisch, Universität Hamburg

Was könnte es Schöneres geben als die Weinprobe in vertrauter Runde? Ein paar gute Fläschchen, vielleicht nur von einer Rebsorte, vielleicht nur aus einer Region. Und dann nachschmecken, Eindrücke in Worte kleiden, vergleichen ... Noch spannender wird's, wenn man die Mühe nicht scheut, die Bouteillen zu verhüllen und das Ganze als Blindverkostung aufzuziehen. Alle sind dann voll auf ihr Sensorium angewiesen und müssen womöglich raten, was sie da im Glas haben. Heiße Diskussionen machen weiter Durst. Spucknäpfe? Nein danke.

So weit, so erfreulich. Nichts spricht dagegen, solange wir dies Sprechen über Wein als geselligen Zeitvertreib auffassen, bei dem jede(r) immer Recht hat. Denn schließlich: Mein Mund gehört mir! Bloß - wir tun gut daran, uns klar zu machen, dass wir uns dabei nichts Ernstzunehmendes mitteilen. Nicht einreal beim ersten Glas, wo die beseligende Wirkung des Alkohols noch gar nicht eingesetzt hat. Wahrscheinlich macht es Sinn, zu sagen „der ist (mir zu) sauer" oder „der ist (mir zu) süß", vielleicht auch noch „der ist (mir zu) dünn". Was man mit Fug und Recht immer sagen kann, ist „der schmeckt mir" (oder eben „nicht"). Und der Rest ist Schweigen.

Wie komme ich dazu, eine solche Ungeheuerlichkeit in die Welt zu setzen, die jedem rechtgläubigen Weinkenner das Sommeliermesser in der Tasche aufgehen lassen muss? Was, man kann über Wein nicht reden? Allzu viel Weinlyrik, na schön, da war man immer skeptisch. Aber „kraftvoll, duftig", „gehaltvoll, würzig und geschmeidig" oder „Fruchtigkeit und Weichheit" - da kriege ich doch was mitgeteilt, womöglich sogar eine Kaufempfehlung, oder? Skepsis meinetwegen, aber so ein harsches Verdikt?

Nun, die Wissenschaft hat sich der Frage in der ihr eigenen gnadenlosen Weise schon vor geraumer Zeit angenommen. Adrienne Lehrer, eine Linguistik-Professorin der University of Arizona, interessierte sich ihr Leben lang für die Bedeutung von Sprache, also für die Frage „Was will Sprecher X sagen, wenn er sagt: Objekt A hat die Eigenschaft Z, und kann ihn irgendjemand anders verstehen?" Als passionierte Weintrinkerin erfand sie eine genial einfache Versuchsanordnung. Die knackigste Variante davon: Eine Gruppe von Versuchsteilnehmern wird in Paare aufgeteilt. Jede(r) bekommt eine Anzahl Weine zu kosten und versucht, diese so gut wie möglich zu beschreiben. Partner oder Partnerin bekommen (anonymisiert) dieselben Weine und versuchen sich an derselben Aufgabe. Dann werden die Beschreibungen ausgetauscht. Die Weine werden frisch nachgeschenkt. Jetzt die Aufgabe: Gehört mein Wein 1, 2 oder 3 zu Beschreibung A, B oder C: meines Partners? Und anschließend die Frage: Hit oder Niete?

Hier hebt für einen Augenblick die Statistik ihr grauses Haupt. Selbst wenn jemand komplett rät, muss er nicht null Treffer machen; ein blindes Huhn findet auch mal ein Korn. Aber, und hier die erste kalte Dusche: Die Trefferraten übertrafen nicht das, was man per Zufall erwartet hätte. Nanu? Na ja, dies waren ziemlich routinierte (kalifornische) Weintrinker, aber keine Profis. Was wäre, wenn? Die nächsten, die sich der Herausforderung stellten, waren Experten und fortgeschrittene Studenten des Instituts für Weinbau der University of Caffornia at Davis, damals wohl der renommiertesten Schule der USA. Alles gewiefte Kenner. Spannung ... und? Kalte Dusche Nr. 2: Es klappte ein bisschen besser als bei den Laien. Aber immer noch nicht markant besser als per Zufall.

Zwischendurch ging Prof. Lehrer der Frage nach, ob denn gemeinsames Weinprobieren zu mehr Einigkeit verhelfen kann. Eher ungeübte (arizonische) Weintrinker verbrachten manch' fröhlichen Abend miteinander, they talked, they drunk wine,and they all had a good time. Aber all das gute Zureden, kalte Dusche Nr. 3, verhalf auch ihnen nicht zu mehr kommunikativem Erfolg.

Das ließ uns am Fachbereich Psychologie der Universität Hamburg schon vor vielen Jahren keine Ruhe. Oh, dieser Honigton am Ende eines guten Chablis, unwiederbringlich, wie er schien - das musste doch jeder nachvoll ziehen können, das konnte doch nicht Schimäre gewesen sein! Manche Details erschienen uns verbesserungswürdig, z. B. gab es bei uns sechs verschiedene Weine statt nur ihrer drei, schon um die Statistik solider zu machen.

Und so fand sich eines Tages in einer großzügigen Patrizierwohnung in Hamburg-Eppendorf eine Runde handverlesener Weintrinker ein, alle davon überzeugt, über Wein sehr wohl eine Menge Sagenswertes sagen zu können. Um es kurz zu machen: Es erging ihnen nicht besser als ihren amerikanischen Vorgängern - kalte Dusche Nr. 4! Doch wir gingen noch einen Schritt weiter. Wenn schon die Kommunikation über Wein zwischen Menschen nicht funktioniert: Kann man wenigstens mit sich selber vernünftig reden? In einer weiteren Versuchsreihe beschrieben 39 Teilnehmer(innen) sechs Weine nur für sich selbst und versuchten eine Woche später, diese Beschreibungen denselben Weinen zuzuordnen. Die große Zahl der Teilnehmer(innen) war nötig, um doch wenigstens sechs zu finden, die mindestens drei Treffer erzielten und so den Bereich des puren Zufalls hinter sich ließen. '(Aber das war schon kalte Dusche Nr. 5 - sechs aus 39, das ist nicht wesentlich besser, als per Zufall erwartbar. Eigentlich wären sogar vier oder mehr Treffer erforderlich gewesen, aber nur ein Teilnehmer brachte es auf vier.)

Was lehrt uns das alles? Es spricht vieles dafür, dass Experten sich über die generelle Qualität eines Weines einigen können. Vor allem in den Extremfällen, z. B. bei den so genannten Weinfehlern. Andernfalls wäre der Weinbau und -handel wohl kaum das, was er heute ist. Aber: Das Geschmackserlebnis, das ein Wein dem Gaumen und der Nase bietet, lässt sich in der Sprache (die Profis nennen es „Weinansprache") mit einem nennenswerten Grad von intersubjektiver Verbindlichkeit offenbar nicht wiedergeben. Also schweigt man besser vom Wein? Eine neue Untersuchungsreihe ist in der Planung und wird hoffentlich einige offen gebliebene Fragen klären. Bis wir mehr wissen, liebe Leserin, lieber Leser, würden mich Ihre Erfahrungen und Gedanken interessieren. Vielleicht veranstalten Sie mal eine Experimental-Weinprobe? Lassen Sie mich wissen, was herausgekommen ist.